Für Shinya Morita beginnt Gesundheit dort, wo der Körper als Ganzes verstanden wird. Der Physiotherapeut verbindet fundiertes Fachwissen mit einem bildhaften und leicht verständlichen Zugang, der Menschen dabei unterstützt, Bewegung neu zu entdecken und Vertrauen in den eigenen Körper zu entwickeln.
Besondere Schwerpunkte setzt er auf die Bereiche Atmung, Haltung und Fußgesundheit. Im Interview spricht er über die Kraft der Selbstwirksamkeit, die Bedeutung von Regulation und darüber, warum echte Veränderung oft mit Neugier beginnt.
Interview mit Shinya Morita

Was hat sie bewegt, den Weg von der Musik zur Physiotherapie zu gehen und heute Menschen ganzheitlich zu begleiten?
Wie so oft: ein wenig aus der eigenen Not heraus.
Ich habe Saxophon studiert und viele Jahre täglich mehrere Stunden ein Saxophon um den Hals hängen gehabt.
Das hat natürlich Spuren in meiner Haltung hinterlassen und zu diversen Beschwerden geführt. Ich bin dann zu einem Physiotherapeuten gegangen, der mir viel über Haltung beigebracht hat. Ich habe gemerkt, dass das auch dem Saxophon spielen, der Atmung und dem Klang gut tut.
Da ich meine gesamte Jugend Musik gemacht habe, war ich neugierig auf etwas Neues und entschied mich dann mit Anfang zwanzig, die Ausbildung zum Physiotherapeuten zu machen.
Der endgültige Entschluss, diesen Beruf wirklich zu meinem zu machen, fiel aber erst gegen Ende der Ausbildung, als ich gemerkt habe, dass der Erfolg in der Wortwahl, zwischen dem Gesagten und im Mut liegt, neue Dinge auszuprobieren.
Ähnlich wie beim Musizieren.
Viele Menschen kommen mit Schmerzen oder Bewegungseinschränkungen zu Ihnen. Welche Beschwerden begegnen Ihnen in der Praxis besonders häufig?
Aufgrund meines Schwerpunkts kommen viele Menschen wegen ihrer schmerzenden Füße. Die meisten davon haben Schmerzen im Ballenbereich (Metatarsalgie), an der Sehnenplatte (Plantarfasziitis), an der Achillessehne oder im Sprunggelenk.
Andere kommen aber auch prophylaktisch, weil sie gegen einen Knick-Senk-Spreizfuß arbeiten wollen oder weil sich die Zehen verformen. Hammerzehen, Krallenzehen, Hallux Valgus oder Hallux Rigidus sind dabei die häufigsten Diagnosen.
Bei der Atemtherapie kommen vorwiegend Patient:innen mit chronischen Lungenerkrankungen wie COPD oder Asthma, aber auch Menschen ohne Diagnose, die sich einfach unfrei in ihrer Atmung fühlen.
Aber auch Nacken -verspannungen, Schulterschmerzen und Rückenprobleme sind täglich Brot in meiner Praxis.
Ihre Arbeit ist stark von Themen wie Atmung, Haltung und Bewegung geprägt – warum ist dieser ganzheitliche Blick auf den Körper so entscheidend?
Der ganzheitliche Blick ist deswegen so entscheidend, weil jedes Gelenk zwei Körperteile miteinander verbindet, weil jedes Körperteil irgendwo angebunden sein möchte und weil jede Bewegung immer den ganzen Körper etwas angeht.
Bewegung fließt, wenn der Körper ein Ganzes sein darf. Klang entsteht, wenn Körper in Resonanz geraten.
Das Gegenteil von Ganzheitlich ist in meinen Augen die Isolation.
Isolierte Ansteuerung in der Bewegung ist wichtig – als hohe Stufe der motorischen Entwicklung. Gleichzeitig führen isolierte Bewegungen aber auch zu Überbelastungen einzelner Strukturen, wenn man sie nicht wieder in das große Ganze zurück bettet.
Und die Atmung ist sowieso nicht vom Ganzen zu trennen.
Die Atmung passt sich permanent den äußeren Umständen an. Sie reagiert augenblicklich auf unsere Emotionen und legt sich in der Bewegung wie ein Bindemittel über unseren Körper und lässt die Bewegung fließen. Die Atmung umgibt, begleitet, intensiviert und harmonisiert all unser Tun und Erleben.
Shinya Morita: Die Sprache des Körpers verstehen

Sie verbinden in Ihrer Arbeit physiotherapeutisches Wissen mit einem sehr bildhaften Zugang. Wie hilft das Ihren Patient:innen, ihren Körper besser zu verstehen?
Ein bildhafter Zugang, vor allem beim motorischen Lernen, nimmt den Patient:innen die Angst, etwas falsch zu machen. Das ist ein großes Thema.
Zum Beispiel: Wir arbeiten an der dämpfenden Funktion der Knie beim Gehen.
Wenn ich sage: „Stell dir vor, du schleichst auf leisen Sohlen durch die Praxis“, hat der Patient sofort Zugang zum Bewegungsprogramm „dämpfende Knie“. Ein Programm, das schon vorhanden ist – er kann nichts falsch machen. Von da aus ist es dann ein Leichtes, zu modulieren und zu verfeinern.
Wenn ich aber sage: „Bitte beuge das Knie deines Schwungbeins circa 20-30° im Moment des Aufpralls der Ferse auf dem Boden“, dann führt das zu Verwirrung und der Patient fühlt sich unfähig.
Für den Therapieerfolg spielt Pädagogik eine zentrale Rolle!
Patient:innen dürfen nicht als dumm dastehen, man darf ihnen nicht zeigen, was sie alles nicht können, sondern es geht darum ihnen hinein in ein positives Gefühl von „Ich kann was“ zu verhelfen. So entsteht Selbstwirksamkeit. Wenn sich Patient:innen unfähig fühlen, verlieren sie die Motivation.
Mit Atemtherapie und der Arbeit rund um die Füße setzen Sie besondere Schwerpunkte. Welche Rolle spielen diese Bereiche für die Gesundheit des gesamten Körpers?
Eine unglaublich große.
Gesunde Füße bedeuten: Mobilität, Teilhabe, Abenteuer, Spiel, Sport, Reisen, Tanzen, Natur, Sicherheit und vor allem Selbstständigkeit.
Wenn deine Füße bei jedem Schritt wehtun, ist die Teilhabe in fast allen Lebensbereichen eingeschränkt.
Dasselbe gilt für die Atmung.
Wir machen pro Minute 12-20 Atemzüge. Wenn die Atmung nicht frei ist, bedeutet das eine permanente Konfrontation mit dieser Unfreiheit – jede Minute, jede Stunde, jeden Tag, sogar im Schlaf. Das ist ein massiver Eingriff in die Lebensqualität.
Eine gesunde Atmung bedeutet: Energie, Lachen, Singen, Schreien, Weinen, aber auch genießen, entspannen, lieben, flexibel sein, sich anpassen können und vieles mehr.
All diese Dinge sind dann überschattet oder eingeschränkt.
Gibt es ein besonderes Erlebnis oder einen Therapieerfolg, der Ihnen gezeigt hat, welchen Unterschied Ihre Arbeit für Menschen machen kann?
Ja. es sind oft ganz kleine Dinge die den Unterschied machen.
Ich hatte eine Lehrerin in Therapie mit schmerzenden Füßen – an der Sohle wie auch an der Sehne des Fußhebers.
Es stellte sich nach ein paar Sitzungen heraus, dass sie sich während des Unterrichts, vor allem bei Stress, immer mit den Zehen im Schuh am Boden festkrallte.
Verkrampfte Füße, langes Stehen, enges Schuhwerk – eigentlich lag der Grund auf der Hand.
Wir haben dann an ein paar Schrauben gedreht: anderes Schuhwerk, Entspannungstechniken, Bewusstseinstraining für den Spannungszustand der Füße, Übungen für während des Unterrichts, um die Füße wieder loszulassen und Dehnungsübungen. Das Problem war damit schon recht gut in den Griff zu bekommen.
Der Grund der schmerzenden Füße jedoch lag anfänglich für uns beide im Verborgenen.
Erst über die Beschäftigung mit den Füßen hatte sie dann auf einmal Zugang zu Dingen, die sie sonst nicht fühlt – nämlich zum Spannungszustand der Füße bei Stress, beziehungsweise zu dem Wunsch, sich am Boden festhalten zu wollen.
Das hat sie selbst herausgefunden. Ich hätte das nicht wissen können.
Es geht in der Physiotherapie nicht immer um Heilung – sondern um Regulation.
Unser Leben ist voller Wechselwirkungen. Ein Problem zu isolieren und zu „lösen“ greift oft zu kurz. Meine Patientin hat gelernt, sich selbst zu regulieren. Das ist der Unterschied.
Shinya Morita – meine Philosophie:
Freude und Neugier sind der Motor für alles, was sich wirklich verändert.
Ich sehe den Körper als einen guten Freund. Ich freue mich, wenn es ihm gut geht. Ich bin froh, wenn er stark wird – und besorgt, wenn er träge wird. Und auch umgekehrt meint er es sehr gut mit einem.
Er hat unzählige Strategien, dich in deinen Vorhaben zu unterstützen. Meist meldet er sich erst spät, wenn er das nicht mehr kann. Manchmal boykottiert er dich aber auch leise – wenn er der Meinung ist, du bist auf dem falschen Weg.


