Interviews

Sandra Schmid: Psychische Gesundheit ganzheitlich verstehen

Psychische Gesundheit ist weit mehr als das Fehlen einer Erkrankung – sie entsteht im Zusammenspiel von Körper, Geist und Lebensumfeld. Sandra Schmid begleitet Menschen in herausfordernden Lebenssituationen mit wissenschaftlich fundierter Klinischer Psychologie und einer Begegnung auf Augenhöhe.

Dabei stehen nicht Diagnosen, sondern die individuellen Geschichten und Ressourcen ihrer Patientinnen und Patienten im Mittelpunkt. Im Interview erklärt Sandra Schmid, warum Verständnis, Vertrauen und alltagstaugliche Lösungen die Grundlage für nachhaltige Veränderungen bilden.

Sandra Schmid im Interview

Was hat Sie dazu bewegt, den Weg als Klinische Psychologin einzuschlagen, und welche Philosophie prägt Ihre Arbeit mit Menschen?

Mich hat schon immer fasziniert, warum Menschen dieselbe Situation so unterschiedlich erleben. Manche wachsen beispielsweise sogar an Krisen, andere geraten dadurch aus dem Gleichgewicht.

Die Psychologie verbindet für mich zwei Dinge, die mich gleichermaßen begeistern: wissenschaftliche Erkenntnisse und die Möglichkeit, Menschen ganz konkret in ihrem Alltag zu unterstützen.

Im Laufe meines Berufslebens durfte ich PatientInnen in sehr unterschiedlichen Lebenssituationen begleiten, zum Beispiel in der Akutpsychiatrie, der Schmerztherapie, der Rehabilitation und auf dem Weg zurück ins Berufsleben.

Dabei habe ich gelernt, dass hinter jeder Diagnose eine persönliche Geschichte steht. Genau deshalb ist mir wichtig, Menschen nicht auf ihre Erkrankung zu reduzieren.

Auch meine eigene Erfahrung mit Krankheit und Rehabilitation hat meinen Blick auf Gesundheit geprägt. Es hat mir gezeigt, was neben fachlicher Kompetenz wichtig ist: Das Gefühl, verstanden zu werden und wieder Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu entwickeln.

Mir ist in meiner Arbeit immer sehr wichtig, wissenschaftliche Erkenntnisse verständlich zu vermitteln und gemeinsam nach Lösungen zu suchen, die auch wirklich zur Person passen. I

ch finde, Menschen sollten verstehen, was mit ihnen passiert. Dieses Verständnis nimmt oft schon Druck und schafft die Grundlage dafür, gemeinsam Veränderungen anzugehen. Gute Klinische Psychologie bedeutet für mich nicht, fertige Antworten zu geben, sondern Menschen dabei zu unterstützen, ihren eigenen Weg zu finden.

Sie begleiten Menschen in sehr unterschiedlichen Lebenssituationen. Mit welchen Anliegen kommen Patienten besonders häufig in Ihre Praxis?

Auf den ersten Blick sind die Anliegen sehr unterschiedlich. Ich begleite Menschen mit Depressionen, Angststörungen, Essstörungen oder chronischen Schmerzen, aber auch Menschen, die nach einer Trennung, einem Todesfall, einer Erkrankung oder beruflichen Veränderungen klinisch-psychologische Unterstützung suchen.

Was viele verbindet, ist weniger eine Diagnose als das Gefühl, dass die bisherigen Bewältigungsstrategien nicht mehr ausreichen. Oft erzählen mir PatientInnen, dass sie ihr Leben lange gut gemeistert haben und erst ein einschneidendes Ereignis oder eine chronische Belastung sie aus dem Gleichgewicht gebracht hat.

Mich interessiert deshalb nicht nur, welche Beschwerden jemand hat, sondern vor allem, welche Geschichte dahintersteht.

Gemeinsam schauen wir, welche Ressourcen bereits vorhanden sind und wie neue Perspektiven entstehen können. Denn Menschen sind immer mehr als ihre Diagnose.

Sie arbeiten mit wissenschaftlich fundierten Methoden und legen großen Wert auf eine vertrauensvolle Beziehung. Warum ist diese Kombination für den Therapieerfolg so wichtig?

Für mich gehören Wissenschaft und Menschlichkeit untrennbar zusammen. Wissenschaftlich fundierte Methoden geben Orientierung, Struktur und helfen dabei, die klinisch-psychologische Behandlung wirksam zu gestalten. Gleichzeitig zeigen zahlreiche Studien, dass die therapeutische Beziehung einer der wichtigsten Faktoren für den Behandlungserfolg ist.

PatientInnen sprechen mit mir oft über Themen, die sie vielleicht noch nie jemandem erzählt haben. Das gelingt nur, wenn sie sich ernst genommen und sicher fühlen. Deshalb ist mir eine Begegnung auf Augenhöhe besonders wichtig.

Ich möchte psychologische Zusammenhänge verständlich erklären, statt mit Fachbegriffen zu beeindrucken. Gute klinisch-psychologische Behandlung bedeutet für mich, wissenschaftliches Wissen so einzusetzen, dass es für den einzelnen Menschen hilfreich und nachvollziehbar wird.

Sandra Schmid: Gesundheit braucht gute Rahmenbedingungen

Sandra Schmid sandraschmid.at

Neben der Klinischen Psychologie gehören auch Gesundheits- sowie Arbeits- und Organisationspsychologie zu Ihren Schwerpunkten. Wie ergänzen sich diese Bereiche in Ihrer täglichen Arbeit?

Diese Bereiche gehören in meinen Augen ganz selbstverständlich zusammen. Gesundheit bedeutet weit mehr als das Fehlen einer Erkrankung. Körperliches, psychisches und soziales Wohlbefinden beeinflussen sich gegenseitig und lassen sich nicht getrennt betrachten.

Die Gesundheitspsychologie beschäftigt sich mit der Frage, wie gesundheitsförderliche Veränderungen im Alltag gelingen können. Oft wissen wir ja sehr genau, was uns guttun würde.

Die eigentliche Herausforderung besteht darin, Veränderungen langfristig umzusetzen. Es geht dabei nur selten um mehr Disziplin, sondern welche Bedingungen Veränderungen erleichtern oder erschweren. Gemeinsam entwickeln wir Strategien, die zur individuellen Lebenssituation passen und deshalb auch nachhaltig umsetzbar sind.

Auch Arbeit spielt für unsere Gesundheit eine wichtige Rolle. Sie kann belasten und überfordern, aber sie kann auch eine wertvolle Ressource sein. Während meiner Tätigkeit in der beruflichen Rehabilitation habe ich erlebt, wie sehr eine sinnstiftende Tätigkeit, eine verlässliche Tagesstruktur, soziale Kontakte und das Erleben eigener Kompetenzen stabilisieren können.

Arbeit bedeutet für viele weit mehr als den Lebensunterhalt zu bestreiten. Es geht um Zugehörigkeit, Selbstvertrauen und Perspektive.

Gleichzeitig ist mir wichtig zu betonen, dass psychische Gesundheit nicht allein in der Verantwortung des Einzelnen liegt. In der klinisch-psychologischen Behandlung können wir persönliche Ressourcen stärken und neue Bewältigungsstrategien entwickeln.

Wenn Menschen jedoch dauerhaft unter ungesunden Arbeitsbedingungen, fehlender Wertschätzung oder einem ständigen gesellschaftlichen Druck, sich immer weiter optimieren zu müssen, leiden, stößt auch die beste Behandlung an ihre Grenzen.

Nicht jede Belastung lässt sich „wegtherapieren“. Manche Belastungen haben ihren Ursprung nicht im Menschen selbst, sondern auch in den Bedingungen, unter denen wir leben und arbeiten.

Das hat mich auch motiviert, mich gemeinsam mit KollegInnen in einem interdisziplinären Projekt zu engagieren, das Unternehmen dabei unterstützt, mentale Gesundheit, Führungskräfteentwicklung und Organisationsentwicklung zusammenzudenken.

Ich wünsche mir, dass psychische Gesundheit nicht ausschließlich als individuelle Aufgabe verstanden wird, sondern auch als gemeinsame Verantwortung von Unternehmen und der Gesellschaft.

Viele Menschen zögern, psychologische Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Was möchten Sie Betroffenen mit auf den Weg geben, die noch unsicher sind?

Ich würde ihnen sagen: Warten Sie nicht darauf, dass es erst „schlimm genug“ wird. Viele Menschen glauben, sie müssten erst völlig erschöpft sein oder ihren Alltag gar nicht mehr bewältigen können, bevor sie sich Unterstützung holen dürfen. Das ist aber nicht so.

Klinisch-psychologische Unterstützung in Anspruch zu nehmen, ist kein Zeichen von Schwäche, im Gegenteil.Es geht um Selbstfürsorge und darum Verantwortung für sich und seine Gesundheit zu übernehmen.

Vielleicht kennen Sie das berühmte Zitat, das dem deutschen Philosophen Arthur Schoppenhauer zugeschrieben wird: „Gesundheit ist nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts“.

Oft kann schon ein frühzeitiges Gespräch helfen, die eigene Situation besser einzuordnen und einer Verschlechterung vorzubeugen. Niemand muss schwierige Lebensphasen alleine bewältigen.

Gibt es ein besonderes Erlebnis aus Ihrer Arbeit, das Ihnen gezeigt hat, welchen Unterschied psychologische Begleitung für Menschen machen kann?

Ein einzelnes Erlebnis herauszugreifen, fällt mir schwer, weil mich viele Begegnungen berührt haben. Was mich immer wieder beeindruckt, sind die kleinen Veränderungen, die mit der Zeit etwas Großes bewirken.

Wenn ein Mensch nach langer Zeit wieder Hoffnung schöpft. Wenn eine Patientin lernt, ihre eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen. Wenn jemand nach einer schweren Krise wieder Pläne für die Zukunft macht oder den Mut findet, einen neuen Weg einzuschlagen. Solche Momente erinnern mich immer wieder daran, warum ich diesen Beruf so gerne ausübe.

Klinisch-psychologische Behandlung bedeutet für mich nicht, Probleme für andere zu lösen. Sie bedeutet, Menschen dabei zu unterstützen, ihre eigenen Stärken wiederzuentdecken und Vertrauen in sich selbst zu gewinnen.

Es ist jedes Mal schön zu erleben, wenn aus Überforderung Schritt für Schritt wieder Zuversicht entsteht.

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