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Carmen Urban: Shiatsu als Brücke zwischen Körper und Seele

Carmen Urban versteht Shiatsu als achtsame Körperarbeit, die weit über klassische Entspannung hinausgeht. Aus eigener Erfahrung mit körperlichen Symptomen fand sie ihren Weg zu einer Methode, die Körper und Psyche als untrennbare Einheit betrachtet.

In ihrer Praxis verbindet Carmen Urban traditionelle fernöstliche Lehren mit modernen Erkenntnissen über Selbstregulation und vegetative Balance. Ihr Ansatz schafft einen sicheren Raum, in dem Berührung, Präsenz und bewusste Wahrnehmung nachhaltige Veränderung ermöglichen.

Interview mit Carmen Urban

Carmen Urban Interview

Was bedeutet Shiatsu für Sie persönlich und was hat Sie dazu bewogen, diesen Weg der Körperarbeit einzuschlagen?

Shiatsu ist für mich ein faszinierendes Instrument, das die unmittelbare Verbindung von Körper und Psyche spürbar und greifbar macht. Es berührt auf verschiedenen Ebenen und vereint jahrtausendealtes Erfahrungswissen mit moderner Forschung.

Auf meinem Weg zu Shiatsu hatte ich selbst viel mit körperlichen Symptomen zu kämpfen. Einerseits konnte ich mich glücklich schätzen, dass meine Suche nach medizinischen Ursachen erfolglos war, andererseits fühlte ich mich oft nicht ernst genommen von der Ärzteschaft.

Auf meiner Suche nach Erklärungen wurde ich zunehmend in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) fündig. Shiatsu stammt zwar aus Japan, vertritt aber eine sehr ähnliche Philosophie. Es war Zufall, dass sich mir die Gelegenheit bot, eine Shiatsu- Behandlung in Anspruch zu nehmen.

Was mich an Shiatsu so beeindruckte und es von den mir bisher bekannten Behandlungsmethoden unterschied, war die stille, ungetrübte Präsenz der behandelnden Person. „Im Hara sein“ ist ein wesentlicher Bestandteil von Shiatsu.

Diese Haltung schafft Raum, in dem gewohnte Denk- und Bewegungsmuster neu sortiert und geordnet werden können.

Was früher als „Energiefluss“ beschrieben wurde, lässt sich heute gut im Kontext von Selbstregulation, Faszienkontinuitäten und vegetativer Balance einordnen. Ich liebe diese Erkenntnisse, die die Ganzheit des Menschen Stück für Stück erklärbar machen. Gleichzeitig schätze ich die Einfachheit, mit der im Shiatsu gearbeitet wird – pur, bodenständig und intuitiv.

Wie würden Sie Shiatsu Menschen erklären, die noch keine Erfahrung mit dieser Form der Körperarbeit haben?

Shiatsu ist eine Form ganzheitlicher Körperarbeit, die ihren Ursprung in Japan hat. Übersetzt heißt Shiatsu „Daumendruckmassage“. Aufbauend auf der TCM beschreibt Shiatsu den Menschen als ein vernetztes System, das keine getrennte Darstellung von Körper und Psyche zulässt.

Shiatsu arbeitet mit achtsamer, strukturierter Berührung.

Dabei wird Druck auf Akupunkturpunkte und Meridiane ausgeübt. Außerdem wird mit gezielten Impulsen, Mobilisationen und Dehnungen gearbeitet. Die Behandlungen erfolgen bekleidet auf einer Matte und entfalten, je nach Bedarf, eine beruhigende oder aktivierende Wirkung.

Viele Menschen erleben Shiatsu als Möglichkeit, wieder im eigenen Körper anzukommen – mit mehr innerer Ruhe, Klarheit und körperlicher Stabilität.

Mit welchen körperlichen oder emotionalen Themen kommen Menschen am häufigsten zu Ihnen?

Am häufigsten kommen Menschen zu mir, die dauerhaft gefordert sind, viel Verantwortung tragen und sich erschöpft oder innerlich angespannt fühlen. Oft ist dieser Zustand verbunden mit wiederkehrenden Symptomen oder Schmerzen. Typische Beschwerden sind

Haltungsprobleme wie Beckenschiefstand, Verspannungen im Rücken-, Nacken- und Schulterbereich, Verdauungsprobleme, Schlafstörungen, Kopfschmerzen oder Migräne – ebenso wie innere Unruhe, Angst und Panik.

Welche Rolle spielen Berührung, Achtsamkeit und ein sicherer Raum in Ihrer Arbeit?

Berührung, Achtsamkeit und ein sicherer Raum sind die Grundlagen meiner Arbeit.

Der Körper kann nur dann in einen regenerativen Zustand gelangen, wenn er spürt, dass keine akute Gefahr besteht. In diesem Rahmen kann Berührung wahrgenommen werden, und der Körper bekommt die Möglichkeit, sich selbst zu regulieren und Spannungen auszugleichen.

Carmen Urban: Wie Shiatsu Spannungen löst und Selbstregulation stärkt

Carmen Urban carmenurban.at

Wie erleben Sie, dass Shiatsu dabei hilft, Stress, emotionale Blockaden oder körperliche Spannungen zu lösen?

In den meisten Fällen merke ich schon während der Sitzung, dass der Körper beginnt, loszulassen. Die Muskulatur entspannt sich, die Atmung wird ruhiger, und nicht selten schlafen Leute zwischendurch ein.

Super ist auch, wenn Personen eine Fitnessuhr tragen mir wurde schon mehrfach rückgemeldet, dass die Behandlung als „Nickerchen“ interpretiert wurde.

Besonders gut gefällt mir der Moment direkt nach der Behandlung: Die Leute sind dann meist etwas zerknautscht, wirken aber strahlend, rosig und lebendig. Beim Folgetermin berichten viele von einem deutlich besseren Schlaf nach der Behandlung.

Auch bei langjährigen Beschwerden, die auf strukturelle Fehlstellungen im Becken- oder Wirbelsäulenbereich zurückzuführen sind, erhalte ich häufig rasch positives Feedback. Nachhaltige Besserungen von stressbedingten Beschwerden zeigen sich eher nach regelmäßiger Anwendung über einen längeren Zeitraum.

Diese gehen in vielen Fällen mit einer Veränderung in der Lebensführung einher.

Shiatsu bringt einen näher zu sich selbst. Das kann Menschen die Kraft geben, die Dinge zu bewegen, die ihnen wirklich wichtig sind.

Gibt es eine Shiatsu-Behandlung, an die Sie sich erinnern, weil sie eine besondere Wendung oder Wirkung hatte?

Am eindrücklichsten waren für mich die Erfahrungen, die ich selbst während meiner Ausbildung – quasi am eigenen Leib – sammeln konnte. Einige davon haben mich nachhaltig berührt.

Diese intensive Begegnung mit dem eigenen Körper hat meine Erwartungen an die Wirksamkeit von Shiatsu deutlich übertroffen – und mich einen tiefen Respekt vor den eigenen Grenzen und der Intelligenz des Körpers gelehrt.

Eine einprägsame Erinnerung habe ich außerdem an einen Mann, der sowohl körperlich als auch mental sehr angespannt zu mir kam. Sein Rücken fühlte sich wie ein Panzer an, er redete ununterbrochen und schien für alles eine Erklärung zu brauchen.

Ich konzentrierte mich darauf, selbst ruhig zu bleiben, und setzte einen Griff ein, der sanft den Parasympathikus aktivierte. Schon nach kurzer Zeit kehrte Ruhe ein, und sein leises „Jetzt hasch die Maschin aber ausg’schaltn“ brachte uns beide zum Schmunzeln.

Wie so oft fühlte es sich an, als würde ich ein wundervolles Instrument spielen, das Körper und Psyche miteinander in Einklang bringt.

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