Claudia Pauzenberger begleitet Menschen in persönlichen Umbruchphasen, bei Überlastung und in interkulturellen Lebenssituationen. Ihre Arbeit verbindet psychosoziale Beratung, systemisches Denken und Werteorientierung zu einem klaren, achtsamen Zugang.
Im Gespräch erzählt sie, wie eigene Auslandserfahrungen, Kulturschocks und die Auseinandersetzung mit Sinn- und Wertefragen zur Gründung von Lebens-Werte geführt haben. Sie erklärt, warum echte Veränderung nicht durch Selbstoptimierung entsteht, sondern dort beginnt, wo Menschen innehalten, Orientierung finden und lernen, bewusst mit dem umzugehen, was ihnen im Leben begegnet.
Interview mit Claudia Pauzenberger

Was hat Sie dazu bewegt, Lebens-Werte zu gründen — und welche Vision verfolgen Sie mit Ihrem Coaching- und Lebensbegleitungsangebot?
Ausschlaggebend für die Gründung von Lebens-Werte war mein letzter Kulturschock vor zwanzig Jahren, und zwar in Italien, als ich es am wenigsten erwartet hatte.
Als mich der gefühlt monatlich ausgerufene Streik mal kurz für drei Wochen in meiner Arbeit komplett zurückgeworfen hat, oder sich die Pläne meiner Freund:innen von einer Sekunde auf die andere geändert haben.
Ich wollte endlich wissen, was mit mir passiert, wenn die alten Ansätze, Denk- und Handlungsweisen nicht mehr passen, wenn es meine „Norm“alität nicht mehr gibt und wie ich damit besser umgehen kann.
Dabei ist mir klar geworden, dass – obwohl wir alle Expert:innen für unser eigenes Leben sind – eine Außensicht hilfreich ist, um den Tunnelblick, den man auf die eigene Situation hat, aus einer Metaposition weiten zu können. Auch Partner:innen und Freund:innen können meist, weil auch sie zu sehr involviert sind, in schwierigen Situationen nicht objektiv unterstützen.
Daher ist es mir wichtig, dass Menschen in einem sicheren Rahmen gehört werden, ihre Gedanken sortieren und damit Situationen auslagern können, mit jemand der ganz für sie da ist. Das öffnet neue Möglichkeiten für Veränderung und entlastet.
Meine Vision ist, dass wir immer mehr zu dem Menschen werden, der wir sind, dass wir das umsetzen und leben, was uns wichtig ist und für uns stimmig ist, was uns inspiriert und Sinn für uns macht – d.h. dass wir immer mehr zu uns selbst finden, in uns selbst ankommen.
Wie würden Sie den Kern Ihrer Arbeit beschreiben — was möchten Sie Menschen mit Lebens-Werte mit auf den Weg geben?
Wie schon erwähnt, gibt es zwischen Reiz und Reaktion einen Raum und es geht darum, in diesem Raum die eigenen Handlungsspielräume zu erweitern, zusätzliche, neue Vorgangsweisen und Sichtweisen zu realisieren, wie man noch reagieren könnte, um dann bewusst die Handlung zu setzen, die man möchte.
Es geht dabei nicht um Selbstoptimierung, um in unserer komplexen, schnelllebigen und schwer fassbaren VUCA-Welt noch besser „funktionieren“ zu können, sondern darum, unsere Ressourcen zu stärken, um Burnout und psychosomatische Erkrankungen zu vermeiden und das Leben mit mehr Präsenz und Energie zu leben.
Ist man sich seiner Überlebensmechanismen, oder Muster, die einen früher einmal geschützt haben, bewusst, kann man beginnen, nach seinen eigenen Werten zu leben. Früher war es vielleicht wichtig, Gefühle nicht zuzulassen, weil man sonst an der damaligen Situation kaputt gegangen wäre. Die Frage ist nur – passt das heute noch, ist es das, was ich jetzt noch leben möchte? Ist das lebens-wert?
Welche Methoden oder Ansätze sind Ihnen besonders wichtig, wenn Sie mit Klient:innen arbeiten — und wie wählen Sie die passende Methode aus?
Ich bin systemische psychosoziale Beraterin (Lebens- und Sozialberaterin) und diesem Ansatz sehr verhaftet, da wir alle in Beziehungen und Systeme (Familie, Partnerschaft, Freund:innen, Organisation, Team etc.) eingebettet sind und diese Systeme auf uns und wir wiederum auf die Systeme Einfluss nehmen.
Wenn ich etwas in meinem Leben verändere, verändert sich dahingehend auch etwas im System. Vor allem, wenn dies aus einer Haltung der Achtsamkeit geschieht. Das bedeutet anzuerkennen, jedoch nicht unbedingt gutzuheißen, was gerade ist, es erstmals so stehen zu lassen, im Moment zu sein, nicht wertend und dann zu überlegen, wie man jetzt am besten damit umgehen kann.
Ich wähle die passende Methode daher je nach Situation und Lebensphase der Klient:innen abgestimmt auf deren Bedürfnisse und schaue, was die Klient:innen gerade brauchen – eine Sparring-Partnerin, Psychoedukation, Gedanken auszusprechen und zu ordnen, Situationen genauer anzusehen etwa durch Systemaufstellungen, sich über Muster und Glaubenssätze klarzuwerden, Kraftquellen zu finden für mehr Balance im Leben, etc.
Um schnell an den Kern der Frage zu kommen, arbeite ich auch gerne mit dem kinesiologischen Muskeltest, da im Körper alle Erfahrungen gespeichert sind.
Claudia Pauzenberger: Unterstützung, bevor Belastung überwältigend wird

Für wen ist Lebens-Werte gedacht — also: Wer sind typischerweise Ihre Klient:innen und Kund:innen, und bei welchen Anliegen suchen sie Unterstützung bei Ihnen?
Viele Klient:innen kommen aus Überlastung, etwa durch Umstrukturierungen oder Mobbing in der Firma, oder durch Herausforderungen in der Familie und Partnerschaft, wie schwierige Kommunikation, Umgang mit Neurodiversität, Scheidung, Schulprobleme der Kinder, kaum vorhandene Auszeiten etc. und zwar wenn sie realisieren, allein schaffe ich das nicht mehr und kann auch keine Veränderung umsetzen.
Da ich mich auf Burnoutprävention spezialisiert habe, begleite ich vor allem Menschen präventiv in belastenden Situationen, um diese gemeinsam mit Ihnen zu bewältigen, bevor sie zu überwältigend werden.
Allein ist es oftmals schwierig, die eigenen Beweggründe und Prägungen zu erkennen. Doch nur wenn man sich selbst und die eigenen Werte kennt, kann man etwas verändern und wirklich auf andere zugehen.
Werte sind Wegweiser und deren Verletzung ein gefühlt lebensbedrohlicher Angriff auf unsere Identität. „Hinter jeder Klage steht ein Wert“, wie Elisabeth Lukas erklärt (eine der bekanntesten Nachfolgerinnen von Viktor Frankl).
Werteverletzungen geschehen im täglichen Leben, aber vor allem im interkulturellen Bereich, wenn verschiedene Sichtweisen aufeinandertreffen.
Ziel der interkulturellen Kommunikation ist es, durch Wissen über unterschiedliche Normen sowie durch Empathie und wirkliches Zuhören (nicht um zu antworten, sondern um zu verstehen) besser auf andere zugehen zu können, Verbindung zu schaffen und aus Unterschieden ein neues Ganzes entstehen zu lassen, das mehr ist als nur die Kombination zweier Kulturen.
Wie gestalten Sie Ihre verschiedenen Angebote so, dass sie Menschen in ganz unterschiedlichen Lebenssituationen bestmöglich unterstützen?
Zur persönlichen Unterstützung begleite ich meine Klient:innen vor allem im Einzelsetting, in dem wir uns gemeinsam die Themen ansehen, die bei ihnen gerade anstehen.
Es geht dabei hauptsächlich um generelle Lebensfragen und Neuorientierung, wie erwähnt u.a. zur Burnoutprävention, aber auch um Expat-Repat-Coachings, wenn ein Auslandsaufenthalt oder eine Rückkehr ins Heimatland ansteht, um die Trauerphase über das Zurückgelassene und die Integration des Neuen zu erleichtern.
Für Gruppen, die vermehrt theoretischen Input benötigen, biete ich auf Deutsch, Englisch und Italienisch in Präsenz und online Workshops an, in den Bereichen Burnoutprävention und Interkulturelle Kommunikation (auch auf Basis des IDI-Testverfahrens von Mitchell Hammer und Milton Bennett).
Die Workshops sind interaktiv, mit Impulsen und Selbstreflexion, sowie hilfreichen Modellen und Methoden über Wahrnehmung und Kommunikation oder Stressverarbeitung.
Wer sich eine persönliche Auszeit von ein bis drei Wochen gönnen möchte, etwa um Orientierung zu finden, oder sich wieder lebendig zu fühlen, wieder zurück ins Leben zu kommen und Kraft zu tanken, für den/die gibt es Retreats in Italien, Frankreich oder Österreich, mit Workshop-Modulen, die einzeln gebucht und je nach persönlichem Bedarf frei kombiniert werden können, um sich auf die eigenen Stärken und Potenziale zu konzentrieren.
Gibt es ein Erlebnis oder Feedback aus Ihrer Praxis, das Ihnen besonders gezeigt hat, welchen Unterschied Ihre Begleitung im Leben eines Menschen machen kann — und wenn ja, welches?
Generell spüre ich den Unterschied, den es im Leben der Menschen macht, wenn ich sie begleiten darf, wenn ich merke, dass bei den Klient:innen eine Denkpause kommt, oder sogar explizit angemerkt wird „stimmt genau – das war jetzt ein Aha-Moment, das war mir noch nicht klar, darüber muss ich noch in Ruhe weiter nachdenken“.
Auch wenn ich realisiere, dass sich etwas ins Positive verändert hat, weil das Thema der letzten Sitzung nicht mehr relevant ist und sich die Klient:innen einer anderen Fragestellung zuwenden möchten, oder bei der abschließenden Sitzung angemerkt wird „im Moment passt alles, nächstes Jahr mache ich wieder einen Check mit dir/ihnen, um mir anzusehen, wo ich gerade stehe“.
Eines der schönsten Feedbacks ist jedoch, wenn Menschen aufgrund des Coachings zum ersten Mal richtig mit ihrem/ihrer Partner:in reden und beide es schaffen, sich ihre Unsicherheiten zu zeigen, und dann etwas umsetzen, was sie schon lange anstreben.
Über Claudia Pauzenberger:
Schon immer war ich neugierig auf andere Länder, Menschen und Sprachen und bin daher so oft wie möglich im Ausland gewesen, habe in den USA, Frankreich und Italien gelebt und mich dabei mehrfach neu er/ge-funden.
Daher bin ich ursprünglich Übersetzerin geworden, zum Übersetzen von Sprachen, dann interkulturelle Trainerin und Coach, zum Übersetzen von anderen Lebenswelten und weiters Psychosoziale Beraterin zum Übersetzen und Erforschen der eigenen inneren Lebenswelt.
Ein Satz, der mich dabei begleitet, ist folgende Aussage, die Viktor Frankl dem Begründer der Logotherapie zugeschrieben wird:
Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegt unsere Entwicklung und unsere Freiheit.
Denn wir können zwar nicht beeinflussen, was uns passiert, aber wir können entscheiden, wie wir damit umgehen und darauf reagieren und dann daraus vielleicht sogar positive Veränderungen ableiten.


