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Annette Behrendt: Wie echte Begegnung Teams verändert und Kommunikation neu möglich macht

Annette Behrendt begleitet Teams und Führungskräfte dabei, Zusammenarbeit neu zu denken und festgefahrene Muster zu lösen. Sie beobachtet seit Jahren, dass nicht fachliche Fragen für Spannungen sorgen, sondern die Art, wie Menschen miteinander kommunizieren und einander wahrnehmen.

Mit viel Klarheit und psychologischem Feingefühl schafft sie Räume, in denen Sicherheit, Kontakt und echte Gespräche möglich werden. So zeigt sie, wie Teams Missverständnisse auflösen, Konflikte konstruktiv nutzen und eine tragfähige gemeinsame Basis entwickeln können.

Interview mit Annette Behrendt

Annette Behrendt Interview

Sie sagen, nicht das Fachliche sei das Problem, sondern unser Umgang miteinander. Was hat Sie dazu bewegt, sich auf Kommunikation und Teamarbeit zu spezialisieren?

Es gibt eine Situation, die ich immer wieder in der Moderation von Design Thinking Workshops erlebt hatte: In der sogenannten „Observe“ Phase geht es darum, wirklich mit Kunden und Kundinnen ins Gespräch zu kommen und ihre Realität so richtig zu verstehen – und die eigenen Annahmen zu überprüfen.

Dabei wiederholte sich folgendes Szenario: Die Teams hatten Hemmungen, diesen Schritt durchzuführen (ein Team meinte sogar, die Gesprächspartner würden sie „eh nur anlügen“). Nach den Gesprächen kamen die Teilnehmenden allerdings immer mit einem Lachen im Gesicht zurück – und neuen Erkenntnissen.

Das zeigte: Wir haben sehr viele Vorurteile und Meinungen internalisiert, die unsere Zusammenarbeit sabotieren. Erst durch die persönlichen Begegnungen kommt hier Bewegung und Miteinander hinein. Dann wird gemerkt: In den fachlichen Themen haben die Kollegen das gleiche Ziel, nur die persönliche Herangehensweise differenziert.

Die persönlichen Gespräche boten einen Perspektivenwechsel, der Punkt, an dem die größte Klarheit entsteht.

Sobald wir uns auf unser Gegenüber wirklich einlassen, verändert sich etwas. Nicht durch falsch-gemeinte Empathie, sondern durch Verständnis.

Diese Erfahrung prägt meine Arbeit bis heute: Wenn wir uns wirklich begegnen, lösen Teams Konflikte, entwickeln Ideen und arbeiten anders miteinander. Genau dafür stehe ich.

Welche Formate und Methoden setzen Sie in Ihrer Arbeit ein – und wie unterscheiden sie sich in ihrer Wirkung?

Auch wenn wir gerne eine Faustformel hätten, jedes Team ist anders. Deshalb schaue ich zuerst auf Faktoren, die die Zusammenarbeit tatsächlich prägen: Welche Rollen übernehmen Menschen bewusst oder unbewusst? Welche Muster zeigen sich in der Gruppe? Und auch wie sicher fühlen sich alle miteinander?

Denn in Teams verhalten wir uns oft anders als in Einzelsituationen, und wenn psychologische Sicherheit fehlt, ist meist eine ganz andere Aufgabe dran: Nämlich diese herzustellen.

Auf dieser Basis wähle ich die passenden Formate. Das kann Aktivierung sein, um Dynamiken sichtbar zu machen, Reflexion, um Muster zu verstehen, oder strukturierte Dialoge, um Vertrauen aufzubauen. Das Konzept von „serious games“ nutze ich gerne, da Leichtigkeit oft der beste Zugang zu schweren Themen ist. Am Ende geht es darum, das zu wählen, was dem Team hilft, sich selbst besser zu verstehen.

Was jedoch alle meine Formate gemeinsam haben, ist der Austausch von persönlichen Erfahrungen. Dieser direkte Dialog, im Einzelkontakt oder in der Gruppe, schafft die Verbindung, die es braucht, damit jede:r die eigene Perspektive einbringen kann.

Gerade in Konfliktsituationen ist es oft erhellend zu merken, dass die andere Person keine negativen Intentionen hatte, sondern die Botschaft schlicht anders angekommen ist. Kommunikations- und Konfliktmodelle unterstützen dabei, diese Unterschiede einzuordnen und den Transfer in den Arbeitsalltag zu sichern.

Denn am Ende geht es genau darum: dass Teams und Führungskräfte das Gelernte im Alltag umsetzen können, weil Klarheit und Kontakt immer zusammengehören.

Wie gelingt es Ihnen, in Ihren Trainings eine Atmosphäre zu schaffen, in der Offenheit und echter Kontakt möglich werden?

Viel entscheidet sich in den ersten Minuten eines Workshop-Tages. Wie wir starten, bzw. welche Interaktionen da stattfinden, prägt den gesamten Tagesverlauf. Dabei ist das genau die Phase, die die meisten gerne überspringen möchten, da sie auf den ersten Blick nicht produktiv wirkt.

Aus meiner Erfahrung weiß ich genau, das ist ein Fehler: Wenn hier gehetzt wird, fehlt später Vertrauen, Offenheit und damit die Basis für produktive Problemlösung.

Wie ich diese Startphase gestalte, hängt stark vom Team ab. Im Gesundheits- und Pflegebereich braucht es oft etwas anderes als im IT-Umfeld – einfach, weil die Arbeitsrealitäten unterschiedlich sind.

Entscheidend ist für mich, dass schnell spürbar wird: Wir sitzen heute nicht einfach nur zusammen, wir arbeiten aktiv miteinander. Jede:r ist gefragt, und die gemeinsame Gestaltung beginnt sofort. Diese Haltung verändert die Atmosphäre – und öffnet die Stadtturm Innsbruck – das historische Wahrzeichen mit Panoramablick über die AltstadtTür für echten Kontakt.

Annette Behrendt: Wege aus der Sackgasse – wenn Teams feststecken

Annette Behrendt Unternehmensberatung

Wie unterstützen Sie Teams, die festgefahren sind oder unter Konflikten leiden?

Teams in Konflikten haben oft den Blick auf das gemeinsame Ziel verloren. Oft überlagern unterschiedliche Erwartungen, Arbeitsstile oder Emotionen den Blick. In diesen Momenten überhöhen wir uns selbst und werten die Perspektive der Anderen ab. Genau hier beginnt die eigentliche Arbeit.

Es gibt 2 Ansatzpunkte für Teams: das persönliche Ebene oder die Prozesse. Je nach Stärke des Konflikts und der involvierten Persönlichkeiten ist die eine oder die andere Strategie zu bevorzugen. Entscheidend für einen umfassenden Erfolg ist allerdings, diese Schritte nicht von einander getrennt zu betrachten, sondern das Team dann die nächsten Schritte zu begleiten. Konflikte, die nur halb geöffnet und dann wieder zugemacht werden, kommen unweigerlich zurück. Oft noch stärker als zuvor.

Gab es in Ihrer Arbeit einen Moment oder Erfolg, der Sie besonders berührt oder nachhaltig geprägt hat?

Mich berühren Momente, in denen Menschen den Mut finden, etwas anzusprechen, das schon lange im Raum steht.

Wenn sich ein Team sicher genug fühlt, die „Elefanten im Raum“ offen zu benennen. Themen, die alle spüren, aber niemand ausspricht. Wenn das passiert, dann weiß ich: Jetzt bewegt sich etwas.

Diese Klarheit entsteht oft durch das Teilen von sehr persönlichen Geschichten, und sie verändert die Zusammenarbeit langfristig positiv. Dieser Schritt ist nicht leicht, aber unglaublich wertvoll.

Das zeigt sich nicht nur in Gruppen, sondern genauso im Einzelsetting. Vielen Menschen fehlt die Sicherheit, wirklich belastende Erlebnisse auszusprechen. Genau dort beginnt meine Arbeit: einen Rahmen zu schaffen, in dem jemand das aussprechen kann, was bisher zurückgehalten wurde.

Diese Momente sind für mich die wichtigsten. Denn sobald Vertrauen da ist, verändert sich, wie wir miteinander umgehen, und damit auch die Dynamik im Team.

Welche Entwicklungen erwarten Sie in der Führung und Teamarbeit der kommenden Jahre – und welche Rolle möchten Sie dabei spielen?

Wir stehen gerade an einem Punkt, an dem sich Zusammenarbeit neu sortiert. Wie finden Firmen und Teams ihren Rhythmus zwischen Präsenz und Remote? Wie verändert KI unsere Gespräche, unsere Abstimmungen, unsere Erwartungen?

Und was macht es mit uns, wenn wir in der Kommunikation nicht mehr sicher sind, ob auf der anderen Seite ein Mensch oder ein System antwortet? Für mich zeigt sich genau darin eine zentrale Entwicklung: Je digitaler unsere Werkzeuge werden, desto wichtiger wird der persönliche Kontakt und die persönliche Beziehung.

Parallel dazu nimmt die gesellschaftliche Konfliktaversion spürbar zu. Viele Menschen haben heute weniger Übung darin, Spannungen anzusprechen oder Reibung auszuhalten. Egal ob im Büro, im Gesundheitsbereich oder in der Produktion.

Doch genau diese Fähigkeit brauchen wir mehr denn je: Konflikte sind kein Störfaktor, sondern eine Ressource. Durch ihre Klärung entsteht mehr Verständnis, Verbindung und eine tragfähigere Zusammenarbeit.

Meine Rolle sehe ich darin, Führungskräfte genau dafür zu stärken. Kommunikationskompetenz wird zu einer der entscheidenden Zukunftsfähigkeiten – für Teams, Organisationen und für Führung.

Ich unterstütze Führungskräfte und ihre Teams dabei, diese Fähigkeiten gezielt auszubauen: klare Gespräche zu führen, Unsicherheiten zu navigieren, Konflikte konstruktiv zu bearbeiten und Beziehungen bewusst zu gestalten.

Damit sie gut gewappnet sind für Herausforderungen, die wir heute noch gar nicht absehen können.

Über Annette Behrendt:

Annette Behrendt ist Kommunikationstrainerin und Coach mit Fokus auf konstruktive Konfliktlösung und souveräne Führung. Sie unterstützt Teams und Führungskräfte dabei, klarer zu kommunizieren, Grenzen zu setzen und Missverständnisse früh zu erkennen.
Mit ihrer direkten, menschlichen Art schafft sie Räume, in denen reflektierte Menschen ihre Unsicherheiten ablegen und echte Wirksamkeit entwickeln. Ihr Ansatz verbindet Klarheit, Empathie und psychologische Sicherheit – für Zusammenarbeit, die hält.

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